Persönlicher Kommentar: Hat Literatur etwas mit Respekt zu tun? Die Verbindung zwischen diesen beiden Bereichen mag auf den ersten Blick nicht ganz offensichtlich sein. Allerdings lässt sich das Nachdenken über den Zusammenhang zwischen Literatur und Ethik bis zu Plato und Aristoteles zurückverfolgen. In der letzten Zeit hat das Interesse an ethischen Fragestellungen erneut zugenommen, was sich unter anderem durch die erhöhte Komplexität und Individualisierung unserer Gesellschaft erklären lässt. Mein besonderes Interesse liegt dabei in der Frage, ob die Literatur diese ethischen Fragen lediglich reflektiert, oder ob sie auch einen eigenständigen Beitrag zu ihrer Diskussion leisten kann. Ein zentrales Merkmal narrativer literarischer Texte ist es, dass sie dem Leser nicht nur Handlungen präsentieren, sondern ihm auch einen Zugang ermöglichen zu den Gedanken, dem Bewusstsein und den Emotionen der dargestellten Charaktere. Insofern beinhaltet die Rezeption literarischer Texte eine Konfrontation mit dem Anderen, die laut Emmanuel Lévinas Grundlage der Ethik ist. Betrachtet man einen literarischen Text als Paradigma für unseren Umgang mit der Welt, so erhält die Literatur auf einer sehr praktischen Ebene Relevanz: sie ermöglicht es, Grundlagen zu schaffen für Offenheit gegenüber dem Anderen, mit dem wir täglich konfrontiert sind, und damit für einen respektvollen Umgang miteinander.
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